Der Ärger mit den Noten

Geplante Änderungen in der Studienordnung sehen mehr benotete mündliche Leistungen vor. Warum mehr Noten niemandem helfen.

Im Vorstand des Seminars wird in letzter Zeit wieder verstärkt die Benotung von einzelnen Leistungen im Studium diskutiert. Anlass dafür ist unter anderem die Einschätzung einiger Dozierenden, dass die (unbenoteten) Leistungen der Studis nicht immer den von ihnen angesetzten Qualitätsstandards entsprächen. Dies bezieht sich vor allem auf Referate und andere mündliche Leistungen. Als Ausweg wurde beschlossen, Referate im Fach Lingusitik zu benoten (B.A.-Vertiefungsmodul) und zwar gegen die Stimmen der im Vorstand vertretenen Studierenden.

Wir, die Basisgruppe/Fachgruppe Germanistik, möchten in diesem Text auf den (Un) Sinn von Noten an der Uni eingehen. So stellen wir prinzipiell die Fragen: Was ist eigentlich das Ziel von Benotung? Was bringen Noten für das Studienziel? Und was haben Noten eigentlich mit unserem Lernen zu tun?
Uns ist natürlich klar, dass mit der Einführung bhgdes Bachelor/Master-System eine Benotung durch das Niedersächsische Hochschulgesetz vorgeschrieben wird. An unserem Fachbereich wurden jedoch die Bedingungen im Zuge des Bildungsstreiks 2009 verbessert, und zwar indem einige benotete Leistungen weggefallen sind und dadurch das Fach studierbarer wurde. Als Beispiele sind zu nennen: das Mediävistik-Essay und die Klausur in der Basisvorlesung fielen weg, Hausarbeiten müssen nur noch in einem von drei Vertiefungsseminaren geschrieben werden.
Nun scheint es darum zu gehen, die Schrauben wieder anzuziehen. Aus unserer Sicht ist dies jedoch der falsche Weg, denn Noten verbessern weder die Motivation von Studierenden, noch sind sie gerecht oder „objektiv“. Stattdessen erhöhen sie den Druck auf die Einzelne_n.

Noten gehören zum Studium?

Notenbefürworter_innen argumentierten, dass eine Benotung zum Studium gehöre und diese dafür sorge, die Qualität eines Studiengangs aufrechtzuerhalten. Ganz nach dem Motto: Sonst könne ja jede_r Dahergelaufene hier einen Abschluss in Germanistik machen und der Abschluss sei in anderen Städten / Ländern nichts mehr wert. Außerdem wurde behauptet, dass Noten ein gutes Feedback seien und die Motivation von Studierenden anheben würden, weil sie sich in Abgrenzung zu den anderen „Schlechten“ verorten könnten.
Das ist ein Argument von vorgestern. Neue pädagogische Ansätze setzen auf konstruktives Feedback, das über eine bloße Zahl hinausgeht. Wir halten konkrete Verbesserungsvorschläge und Motivation durch positive Bestärkung für eine viel bessere Lösung als Bewertung und Demotivierung durch schlechte Noten.. Vielleicht sollte man auch einfach nach einem nicht so gelungenen Referat das Gespräch mit den Studierenden suchen und mit ihnen eine Auswertung anstreben.

Noten (für mündliche Leistungen) ermöglichten es außerdem, den Durchschnitt zu verbessern.
Das kann gar nicht funktionieren. Wenn, dann nur für einige Wenige und nicht für die Mehrheit. Noten ergeben nur dann Sinn, wenn nicht alle gut sind. Wollte man wirklich Studierenden die Möglichkeit zur Verbesserung geben, sollte die Benotung freiwillig sein, das heißt, Studierende, die dies wünschen, können auf ihr Referat eine Note bekommen.

Das wesentliche Argument in der Vorstandsdiskussion war, dass eine Benotung die Qualität von Referaten erhöhe.
Leider ist dies reine Spekulation. Im Moment werden zum Teil schlechte Referate gehalten. Die Ursache für eine schlechte Vorbereitung liegt jedoch nicht darin, dass Leute keine Lust haben und faul sind, sondern hat meistens strukturelle Ursachen: B.A.-Studierende haben zwei Fächer, für die sie viel arbeiten müssen. Auch ein nicht geringer Anteil muss nebenbei einer Erwerbstätigkeit nachgehen, um die Studiengebühren zu bezahlen und die Lebenshaltungskosten zu finanzieren. Diese Studierenden sind dementsprechend oft überlastet und werden für ihre Situation auch noch doppelt bestraft. Ein nicht unwichtiger Punkt betrifft das eigene Auftreten im Seminar gegenüber den Kommiliton_innen.. Wer hält denn schon gern ein unausgereiftes und schlecht vorbereitetes Referat vor vielen Leuten? Eine solche Blamage versuchen sich die Meisten doch sicher zu ersparen? Und wenn nicht, sollte diese wohl als „Strafe“ ausreichen. Man sollte uns nicht absprechen, dass wir ein Interesse daran haben, gute Referate zu halten.

Eine Benotung würde möglicherweise den Druck auf die Einzelnen erhöhen und sie evtl. dazu zwingen, sich besser vorzubereiten. Aber das liegt nicht im Interesse der Studierenden, die etwas lernen wollen. Statt Benotung sollte Begeisterung geweckt werden, sodass die Studierenden sich Zeit für die Vorbereitung nehmen. Wenn das nicht funktioniert, sollte vielleicht in Erwägung gezogen werden, keine (Pflicht-)Referate mehr zu verlangen und Möglichkeiten zu bieten, sich anderweitig in die Seminargestaltung einzubringen.
Wenn Lehrende der Meinung sind, dass die Qualität des Unterrichts in ihren Seminaren nicht sichergestellt ist, sollten sie auch Mehrarbeit und den Einsatz alternativer Lehrmethoden in Erwägung ziehen, anstatt die Inhaltsvermittlung zu so großen Teilen auf die Studierenden abzuwälzen.

Wir fragen uns auch, ob Noten überhaupt ein „objektives“ und faires Bewertungskriterium sein können. Vor allem die Bewertung von mündlichen Leistungen wie z.B. Referaten oder Diskussionsleitung lässt sich schwer an objektiven Kriterien festmachen. Wie können Studierende beispielsweise ihre Note anzweifeln? Bei Hausarbeiten liegt diese schriftlich vor und bei mündlichen Prüfungen ist zumeist ein_e Zweitprüfer_in anwesend. Die Zensurenvergabe stellt im Endeffekt immer auch ein Machtverhältnis zwischen Prüfer_in und Geprüfte dar. Und die Ohnmacht gegen eine unfair empfundene Note anzukommen, kennen sicher viele von uns aus der Schule. Zugegeben: dies ist ein generelles Problem, doch sollte dies nicht noch mehr verstärkt werden. Zudem führt die Benotung und das dadurch vermittelte Machtverhältnis nicht zu einer Seminar-Athmosphäre, in der Dozierende und Studierende gemeinsam das Seminar gestalten – denn auch wir haben ein Interesse an guten Seminaren und einem angenehmen Miteinander.

Mehr Noten helfen niemandem

Wir Studierende sind sehr verschieden und haben äußerst unterschiedliche Lebenshintergründe. Doch viele von uns freuen sich über Inspiration, Feedback, konstruktive Kritik und neues Wissen. Was wir hingegen nicht brauchen, ist eine Bewertung, die uns einteilt in die Guten und die Schlechten, eine bloße Zahl, von der im schlimmsten Fall unsere Zukunft abhängt.
Der Druck, der auf uns lastet, ist seit Bologna durch kontinuierliche Benotung, Anwesenheitspflicht, die groß geschriebene Regelstudienzeit und Studiengebühren höher geworden. Die Belastung ist hoch und wir wissen, dass ein harter Arbeitsmarkt auf uns wartet. Wir können es nicht oft genug betonen: Menschen brauchen keine Noten, um sich weiter zu entwickeln, sondern Motivation, Bestärkung und umfassendes Feedback.
Wir haben das Gefühl, dass in der Analyse des Ist-Zustandes oft nur die schlechten Seiten der Studierenden gesehen werden und nicht die guten. Viele engagieren sich im Seminar, am Thop, bei Litlog, politisch und bei zahlreichen Projekten. Vielen ist ihr Studium nicht egal, sondern sie sind fähig, neugierig, wissbegierig und sie können ihre eigenen Entscheidungen treffen. Aufgrund Einzelner die komplette Studierendenschaft als faul und unmündig darzustellen, wie es von einigen Wenigen in den Vorstandssitzungen gemacht wird, entspricht nicht den Tatsachen.

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Entschleunige mich – mein Leben im Zwei-Stunden-Takt auf Speed

[Achtung: dieser Text hat 648 Wörter und ist in ca. 5-7 Minuten zu bewältigen.]

Seminarbesuch, Mensa-Essen, ein Abstecher in die Bibliothek, nicht einmal das Mittagstief hält mich auf. Danach schwungvoll hoch zum Waldweg, die panierten Champions rumpeln noch in meinem Magen. Die nächste Vorlesung ruft, mittendrin erwischt es mich dann doch knallhart. Die Worte der Dozentin verschwimmen vor meinem Innersten und der Wirbel zieht mich in die Tiefe. Ich habe mal gehört, das sich jemand beim Einschlafen in der Vorlesung den Bleistift ins Auge gerammt hat. Da reiße ich mich doch lieber zusammen, solch ein Unfall wäre wohl peinlich und schade meinem guten Ruf als strebsame Studentin. Wichtig ist es, noch einen Text zu Ende lesen, den ich am Wochenende nicht mehr geschafft habe. Böse Zungen behaupten, ich hätte das ganze Wochenende durchgefeiert. Ja, der Alkoholgehalt im Meditonsin gegen die Erkältung und die Schmerztabletten mögen meinen Verstand umnebelt haben. Aber ich erinnere mich noch sehr gut: Stress lass nach, Erkältung du kannst kommen.

Schleunigst zieht es mich nach Hause , waschen, Küche putzen, der Putzpfeil wartet da schon gut zwei Wochen erwartungsfreudig. Schnell noch mal das Referat geübt, welches ich morgen halten soll, und danach für ´ne halbe Stunde vor die Glotze gehauen. Als Belohnung, weil ich so schnell geputzt habe. Neben der aktuellen Folge von „Wer wird Milliönär“ recherchiere ich noch was im Internet und handle alle verbliebenen sozialen Kontakte per Mail ab. Nichtsdestotrotz versucht meine Mitbewohnerin, dann doch noch direkten Kontakt mit mir aufzunehmen. Jauch, dass du ernsthaft CDU- Wähler bist, kotzt mich wirklich an. Ja, ich bringe den Biomüll morgen früh raus. Mist, das Buch aus der SUB ist bis zum nächsten Jahr ausgeliehen….

Dies ist keine Geschichte mit Spannungsbogen, sondern eine bloße Aneinanderreihung von Ereignissen, dies nennt sich Alltag. Mein Alltag ist in zweistündige Handlungs- und Denkabschnitte gegliedert. Zwei Stunden für einen Text, zwei Stunden für ein Referatstreffen, zwei Stunden für das Seminar , selbst bei Dates mit meinen FreundInnen halte ich diesen Takt ein. Alles ist genau geplant und alles muss nahtlos ineinander übergehen, untätige Pausen dürfen nicht entstehen. Doch diese strikte Organisation meines Alltags macht mich krank: Mein Leben rast in Lichtgeschwindigkeit an mir vorbei. Man kann nicht gerade sagen, dass mich das sehr befriedigt. Der Blick auf die eigenen Fähigkeiten, Stärken und Interessen verschiebt sich. Es ist nicht mehr wichtig, dass ich etwas zu Ende geschafft habe, sondern nur, wieviel Zeit ich dafür gebraucht habe. Nicht mein Interesse an bestimmten Dingen spielt eine Rolle, sondern der Nutzen dahinter.

Wahrscheinlich kennen das viele: Wenn man nichts für die Uni oder die Lohnarbeit machen kann oder will, dann fängt man an, sein Zimmer aufzuräumen oder andere Haushaltssachen zu übernehmen, nur um überhaupt dem ständigem Drang, etwas Sinnvolles zu tun, gerecht zu werden. Alles steckt in den kleinen Handlungen, dem ständigen Tun, welches den eigenen Alltag verdichtet. Selbst beim Zähneputzen am Morgen packe ich meine Tasche, um effektiv meine Zeit zu nutzen. Multitasking heißt das Zauberwort. Die Frage danach, was mir gut tut, spielt darin nur noch sehr selten eine Rolle. Viel wichtiger ist es, den Anforderungen der Umwelt gerecht zu werden. Alles muss immer höher, schneller und weiter . Beschleunigung ist zu einem Credo in dieser Gesellschaft geworden. Soziales Engagement, Praktika, Vitamin B, Auslandserfahrung, Sozial- und Führungskompetenzen, Wissen, Qualifizierung? Investitionen in das eigene Selbst: Die hundertzwanzig Prozent geben, immer abrufbereit sein, niemals krank werden und immer funktionieren. Und dies alles in immer kürzerer Zeit.

Einer, der dieses Phänomen in seinem sehr lesenswerten Buch „Beschleunigung“ ganz genau untersucht, ist Hartmut Rosa. Eine sehr eingängige Beobachtung, die er macht, ist, dass wir ja in Teilen nicht mal mehr konsumieren, sondern nur noch kaufen. Wie viele Filme, Bücher, Spiele haben wir ungelesen, ungesehen und ungespielt in unseren Regalen stehen? Es ist in Teilen unmöglich, noch von einem wirklichen Erleben zu sprechen. Dann stellt sich mir schon die Frage, wann höre ich eigentlich einfach nur mal Musik um der Musik willen. Diese Liste der Kuriositäten des beschleunigten Alltags könnte ich unendlich ausweiten. Doch die eigentliche Frage, die ich mir stelle, kann ich mich überhaupt in diesem neoliberalen kapitalistischem System entschleunigen? Oder wann kann ich einfach in Ruhe Zähneputzen?

VerfasserIn: Eine Beschleunigte


Buchtipp: Hartmut Rosa : Beschleunigung – Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne. (2005) 537 S. 19€


Außerdem ein sehr hörenswerter Vortrag von Hartmut Rosa: „Bis zum rasenden Stillstand“

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Sprache und Sexismus
[oder davon, wie Menschen zu “Frauen“ und “Männern“ gemacht werden]

Frauen sind Frauen und Männer sind Männer. Deswegen können die einen mit der Bohrmaschine umgehen, während die anderen dafür multi-tasking-fähig und auch viel emotionaler sind.
Wer davon ausgeht, hat einen wichtigen Punkt übersehen: Geschlecht wird gemacht! Rolleneinteilungen sind nicht natürlich vorgegeben sondern ein Konstrukt der bürgerlichen Gesellschaft. In ihr wird der Frau Natur und damit Emotionalität zugeschrieben, während der Mann der Kultur und der Rationalität zugeordnet wird. Diese Zuschreibung, die die Verbannung der Frau in die häusliche Sphäre mit sich bringt, wird naturalisiert.
Wir haben es hier mit einer selffullfilling prophecy zu tun, Geschlechterbilder reproduzieren sich selbst: wenn argumentiert wird, dass es natürlich so ist, dass Frauen nicht mit der Stichsäge umgehen können, dann werden Frauen auch nicht dieselbe Energie aufwenden wie Männer zu lernen damit umzugehen. Es ist ganz klar, was von jeder_jedem erwartet wird und das hat damit zu tun, wie uns die Gesellschaft beeinflusst.
Was hat Sprache mit alldem zu tun? Eine ganze Menge. Geschlecht wird vor allem durch Sprache gemacht. Und ebenso kann Sprache dazu dienen Geschlechterrollen aufzubrechen. Veränderte Sprache kann ein Mittel subversiver Politik sein und somit ein Hebel im (Macht)Gefüge von Sprache und Geschlechtermatrix.

I Schreiben

Studenten, StudentInnen, Studentinnen und Studenten, Student_innen…? Wer kommt denn da noch mit? Das Rechtschreibprogramm meines PCs jedenfalls nicht! Warum aber wählt wer welche Schreibweise?

„Natürlich meinen wir auch Frauen…“

„Studenten reicht.“, sagen die einen, alles andere verkompliziere den Satzbau (und überanstrenge damit das Gehirn?) sagen die einen, „Es geht um mehr.“, sagen die anderen. Die Argumentation der Erstgenannten lautet, dass Studenten nicht eindeutig einem männlich definierten Menschen zugeschrieben werden könne, sondern sich auf Studierende beider Geschlechter beziehe und weibliche Menschen somit nicht ausschließe. Studentin beziehe sich dagegen genau auf einen weiblichen Menschen. Im Deutschen hätten grammatischer Genus und (biologisches oder soziales oder..?) Geschlecht nichts miteinander zu tun und verweisen auf Wendungen wie das Mädchen, die Aushilfe etc.
Das kann aber auch anders gesehen werden. Wir wollen ein paar Gründe aufführen, weshalb wir es nicht in Ordnung finden nur die männliche Form zu benutzen:
Das gesellschaftliche Subjekt erscheint per se als männliches, während „,die Frau’ jeweils als das ,Andere’ des Mannes konstruiert wird: als bloßes Naturwesen, als bedrohliche Sinnlichkeit, als idealisierte Natur oder als negative Folie, vor der sich männliche Selbstbehauptung und Macht um so deutlicher abheben.“1 In der Literatur kann das gut untersucht werden. Es existieren verschiedene Bilder von Weiblichkeit. Die Gleichsetzung von Frau und Natur findet sich z.B. in den Werken des 19. Jahrhunderts. Außerdem erscheinen Frauen in der Literatur als Projektionsfläche, besitzen keinen Subjektstatus sondern kindlich-unschuldige Züge oder aber sie erscheinen als rätselhafte Wesen, spielen die femme fatale und stürzen den Mann ins Verderben.
Diese Bilder von Weiblichkeit zeugen von etwas sehr Paradoxem: während Frauen in der (Literatur)geschichte kaum als Akteurinnen auftauchen, so gibt es umso mehr Bilder und Entwürfe von dem, was ‘weiblich’ ist. Die geschichtliche Absenz von Frauen steht in krassem Gegensatz zur Häufigkeit der Erscheinung von Frauen als bloßes Thema.
“Mann“ und “Mensch“ werden naiv miteinander identifiziert, dagegen wird eine weibliche Form gewählt, wenn explizit nur Frauen gemeint sind. Wir haben es mit einer „geschlechtspolare[n] Zuschreibung“ zu tun, die „die Frau als Gattungswesen, den Mann dagegen als das durch Sozialisation und Individuation strukturierte gesellschaftliche Wesen begreift.“3 Eine Schreibweise wie die Studenten, “meint zwar Frauen mit“, aber reproduziert die öffentliche Sphäre als eine männliche.

Also nicht Studenten… Aber was stattdessen schreiben? Dazu muss sich damit auseinandergesetzt werden, was die Kategorie „Geschlecht“ eigentlich so mit sich bringt:

Die Binarität der Geschlechter

Es gibt Männer und es gibt Frauen. Oder? Biologisch betrachtet gibt es neben dem genetischen Geschlecht noch mindestens vier weitere. Und falls mit einer dieser Kategorien bei einem Kind etwas nicht in Ordnung ist, wird eben medizinisch eingegriffen. Das ist das Dogma der Zweigeschlechtlichkeit, das nur zwei Geschlechter zulässt. „Indem Menschen sich verhalten, als gäbe es „von Natur aus“ Männer und Frauen, bestätigen sie die soziale Fiktion, dass diese Natur existiert. Es gibt sie nicht unabhängig von dem, was Menschen tun. Geschlecht ist eher das, was Menschen zu bestimmten Zeiten tun, als das, was Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort, also universell sind.“4 Hier wird die Frage nach Identität aufgeworfen. Menschen werden durch Sozialisation zu Frauen und Männern gemacht- und eben nur dazu. Die vermeintlich natürliche Annahme es gäbe nur zwei Geschlechter entwickelte sich erst im 18. Jahrhundert mit dem Aufstieg des Bügertums. Aber sie bestimmt unser Leben. Die Normen der Zweigeschlechtlichkeit und die damit einhergehenden Rollen sind so stark verinnerlicht, dass sie als natürlich erscheinen und nicht ohne weiteres abzuschütteln sind. Trotzdem muss sich vor Augen geführt werden, wie Geschlecht konstruiert wird und dass trans- oder intersexuelle Menschen oder Menschen mit einer anderen als einer heterosexistischen Identität ausgegrenzt werden.
Deswegen gibt es die Schreibweise des Unterstrichs, der die Binarität der Geschlechter aufzubrechen versucht und Platz lässt für andere Konstruktionen von Geschlecht und Identität.

II Sprechen

Welchen Einfluss hat das Sprechen eigentlich auf das, was wir unter “männlich“ und “weiblich“ verstehen?

At the beginning: Junge oder Mädchen?

Geschlechtsidentität wird in den Körper „eingeschrieben“. Wie funktioniert das? Performative Sprechakte5erzeugen das, was sie bezeichnen, sagt der Sprachphilosoph John L. Austin. „Das gesprochene Wort nimmt den Status einer sozialen Tatsache an. Auf diese Weise wird aus der Aussage ,Es ist ein Junge’ oder ,Es ist ein Mädchen’ sozialer Tatbestand, der einem so bezeichneten Körper ein und nur ein Geschlecht zuordnet.“6
Ja, da sind Merkmale, die auf ein biologisches Geschlecht hindeuten. Anders ausgedrückt aber erscheint das in ganz anderem Licht: biologische Körper sind kulturell codiert, sodass bestimmte Geschlechtsmerkmale sofort klar machen, welche Identität ein Mensch besitzt: eine „männlich“ definierte oder eine „weiblich“ definierte. Und dann beginnt das Spiel: der als Junge definierte Mensch bekommt den blauen Strampelanzug und zum ersten Geburtstag ein Feuerwehrauto geschenkt, der als „weiblich“ definierte Mensch einen rosa Strampelanzug und Puppen. Menschen werden in Kategorien eingeordnet, sodass Aussehen, Gang, Auftreten, Stimme usw. geschlechtlich codiert sind.

Eingriff in die ritualisierte Wiederholung

Körper sind also codiert. Es kommt erst „durch die Wiederholung performativer Sprechakte zur Verfestigung materieller Strukturen, mit denen der Körper schließlich als somatischer Komplex und körperlicher Habitus gebildet wird. Bereits durch geringfügige Verschiebung der Kontextbedingungen wird die kulturelle Macht von Konventionen infrage gestellt.“67 Das heißt nichts anderes, als dass erst durch die immerwährende Wiederholung im kulturellen Zusammenhang, in dem wir leben, die Zweigeschlechtlichkeit sich verfestigt. Durch die Veränderung von Codes in diesem Kontext und durch das Durchbrechen der Kategorien, in die Menschen eingeordnet werden, kann die Macht, die auf die Einzelnen ausgeübt wird, und die damit einhergende Ausgrenzung von Subjekten durchbrochen werden.
Das Durchbrechen der Geschlechtermatrix, also dem kulturellen Netz, in dem Geschlechter definiert werden, soll eine Pluralisierung von Identitätsformen ermöglichen. Es handelt sich um eine Strategie der Vervielfältigung, die die konstitutiven Kategorien der Geschlechtsidentität angreifen und überschreiten soll.78
Wie tun? Zum Beispiel durch die Veränderung der Sprache. Durch das Spielen mit geschlechtlich codierten Bedeutungen…

Begraben unter Zuschreibungen, die das Leben normen, Erfahrung unterdrücken und Identitätsvielfalt verhindern…
Rolleneinteilungen und Sexismus überwinden!

2. Walter Erhart, Britta Herrmann: Feministische Zugänge- Gender Studies. In: Heinz Ludwig Arnold, Heinrich Detering (Hrsg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. Deutscher Taschenbuchverlag. München 2002, S.500 [zurück]
3. Bovenschen, Silvia: Die imaginierte Weiblichkeit. suhrkamp Verlag 1979, S.27 [zurück]
4. Bublitz, Hannelore: Judith Butler zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2002, S. 73 [zurück]
5. Performative Sprechakte sind Aussagen, deren kommunikative Absicht durch das Aussprechen der Äußerung vollzogen wird (z.B. „Hiermit verspreche ich dir.“) [zurück]
6. Bublitz, Hamburg 2002, S.23 [zurück]
7. Bublitz, Hamburg 2002, S.23 [zurück]
8. vgl. Bublitz, Hamburg 2002, S.78 [zurück]

Listenklau‘n, Listenclown – Anwesenheitslisten in der Germanistik entwendet

Wir haben erfahren, dass am Montag den 7. Mai in der Vorlesung Grundlagen der Germanistik 1.2 die Anwesenheitsliste entwendet wurde. Diese Reaktion von Seiten der Studierenden begrüßen wir aufgrund unserer prinzipiellen Ablehnung von autoritären Instrumenten und Maßnahmen, wie es die Einführung der Anwesenheitslisten in Vorlesungen im Besonderen und Anwesenheitslisten im Allgemeinen ist. Aus dieser Ablehnung folgt nicht zwingend eine solche Aktionsform. Auch uns wäre es sehr viel lieber, wenn jene, die diese Anwesenheitslisten befürworten, jene die sie beschließen und jene die sie durchsetzen aufgrund eines Dialoges mit den Studierenden zum gleichen Schluss kommen würden, dass es unzumutbar für die Studierenden ist, die sowieso schon dem Leistungsdruck des BA-Studiums ausgesetzt sind, auch noch ihrer letzten Entscheidungsmöglichkeiten in ihrem Studium beraubt zu werden. Nämlich die Entscheidung, ob sie sich den Stoff lieber selbst aneignen möchten und nicht einem Dozierenden lauschen müssen, der völlig unkritisch Heidegger – der anhand seiner phantastischen Mythenbildung die Grundlage deutschnationaler Visionen gebildet hat – rezipiert.

Uns ist jedoch im Verlauf der letzten Wochen klar geworden, dass ein solcher Dialog zwischen Studierenden und Dozierenden nicht stattfindet. Wenn er aber von Seiten der Studierenden gesucht wird, wird er mit einem autoritären Totschlagargument von Seiten der Dozierenden sogleich zunichte gemacht. Ein solches Vorgehen ist, das versteht sich von selbst, absurd und es mangelt jeder vernünftigen Grundlage. Warum sollte es notwendig sein eine Maßnahme, die ohnehin autoritär ist, damit zu legitimieren, dass sie mit noch mehr Macht durchgesetzt werden kann? Das macht doch nur dann Sinn, wenn die Studierenden von den Dozierenden nicht als mündige Subjekte wahrgenommen werden. Außerdem: Ist die Tatsache, dass Menschen zum Listenklau übergehen nicht schon Aussage genug?

Solange die Befürworter_innen, Beschliesser_innen und Durchsetzer_innen sich nicht kritisch die Frage stellen, ob das jetzt wirklich notwendig ist und auch keinerlei Form von Reflektion an den Tag bringen in Bezug zu autoritären Studienbedingungen, halten wir das Mittel des Listenklauens für legitim und solidarisieren uns mit jenen, die zu einer solchen Maßnahme greifen, trotz Drohungen von Seiten der Dozierenden und der widerlichen Aufforderung an Mitstudierende: „Wenn ihr seht, dass euer Nachbar die Liste verschwinden lässt, dann denunziert diese Person oder erwürgt sie am besten gleich.“

Mit freundlichen Grüssen,
Basisgruppe Germanistik

Anwesenheitslisten gestoppt!
Kleine Erfolge im Kampf gegen den Bachelor

Eine erste Bilanz der neu eingeführten Bachelorstudiengänge haben wir bereits in der BB Zeitung Nr. 10 gezogen. (Link zum Artikel) Inzwischen zeigt sich, dass es möglich ist, Verbesserungen im Kleinen zu erwirken. Dies soll an einem Beispiel deutlich gemacht werden, bei dem es gelungen ist, Verbesserungen im Sinne der Studierenden durchzusetzen. Dieses Beispiel macht zugleich auch die Absurdität der aktuellen Situation deutlich.

Die Anwesenheitslisten

Seit der Einführung des Bachelors haben es sich viele Dozierende zur Angewohnheit gemacht, die Anwesenheit der Bachelorstudierenden in Vorlesungen durch Anwesenheitslisten zu kontrollieren. Darauf angesprochen, warum sie dies tun, war die einhellige Antwort, es sei durch die neuen Bachelorordnungen vorgeschrieben. Wer sich jedoch die Allgemeine Prüfungsordnung (APO) für den Bachelor anschaut, wird v.A. das Fehlen jeder Formulierung zu diesem Thema feststellen. Auch in den fachspezifischen Regelungen findet sich keine Formulierung, die das Führen von Teilnahmelisten in Vorlesungen zwingend macht. So verpflichtet z.B. die Formulierung in den fachspezifischen Bestimmungen für das Fach Geschichte nur zur „regelmäßigen Teilnahme“ an den Übungen oder Seminaren des Moduls. Ob die Formulierung „regelmäßige Teilnahme“ eine Anwesenheitsliste zwingend macht sei dahin gestellt. Zur Anwesenheit in den Vorlesungen findet sich in jeden Fall kein Wort.

Die kleinen Möglichkeiten des Ungehorsams

Das war für einige Studierende des Fachs Geschichte Grund die Kontrollmechanismen auf das von den fachspezifischen Bestimmungen geforderte Maß zurück zu schrauben und die Anwesenheitslisten aus den Vorlesungen zu klauen. Die Reaktion auf diese Maßnahme wirft einen Blick darauf, wie ernst solche Bestimmungen genommen werden sollten.

Zunächst traf die Aktion auf völliges Unverständnis. Die Dozierenden seien ja gezwungen diese Listen zu führen, hieß es in Woche eins nach der Entwendung in einer der betroffenen Vorlesungen. Darauf hingewiesen, dass dies nicht stimme, kündigte die Professorin an, dies noch einmal zu überprüfen. In Woche zwei nach der Entwendung machte sie von der Liste keinen Gebrauch mehr. In der dritten Woche erfuhren die erstaunten Studierenden nun Folgendes: Nach Angaben des Justiziars der Uni sei das Führen von Anwesenheitslisten gar nicht erlaubt. Begründung: Da es so viele Modulüberschneidungen gäbe, würde das Führen von Anwesenheitslisten bestimmte Zweifachbachelorstudiengänge unstudierbar machen.

Innerhalb von drei Wochen hatte sich das Führen von Anwesenheitslisten von einem qua Recht vorgeschriebenen unabwendbaren Übel in eine qua Recht verbotene Praxis gewandelt.

Konsequenzen

Für die Studierenden heißt dies, dass sie die geltenden Regelungen als wandelbar begreifen müssen. Sie sind Ergebnis von Aushandlungsprozessen und damit von Macht und Gegenmacht. Selbst wenn das Führen der Listen erlaubt wäre, hätte dies keine Bedeutung, wenn sie in jeder Vorlesung verschwinden würden. Die Wandlung im Fall der Anwesenheitslisten zeigt ebenfalls, dass es sich hierbei nicht um Regelungen handelt, die mensch nicht unterlaufen sollte, weil sie so sinnvoll wären. Vielmehr gibt es eine ganze Latte von dummen bildungsfeindlichen Regelungen in den Bachelorordnungen, die auf allen Ebenen bekämpft werden müssen. Indem man ihre praktische Anwendung unterläuft, ebenso wie indem die StudierendenvertreterInnen sie in den Kommissionen angehen. Das Klausuren- und Prüfungsunwesen, das viele Bachelorstudierende vom eigenständigen Lernen abhält, wäre ein solcher Punkt. Auch werden die Anwesenheitslisten noch immer in einigen Vorlesungen geführt. Hier wäre es nötig den Dozierenden auf die Sprünge zu helfen.

Dieses Beispiel sollte v.A. deutlich machen, dass es keinen Grund gibt irgendeine Regelung, die uns Studierende unter Druck setzt oder stärkerer Kontrolle aussetzt als gegeben hinzunehmen. Setzt Euch mit Euren StudierendenvertreterInnen zusammen, um zu überlegen, was ihr in diesem Sinne tun könnt.



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